Brief der Hochschulleitung an Dozierende und Studierende

 

Liebe Lehrende, liebe Studierende!

Die Barenboim-Said Akademie arbeitet 9 Jahre nach ihrer Eröffnung vor dem Hintergrund eines unerträglichen Kriegs im Nahen Osten, der Heimat der überwiegenden Mehrheit der Studierenden, und eines in Deutschland, der Heimat der Akademie, geführten, an Schärfe zunehmenden Meinungsstreits um die Deutungshoheit über die politische Lage in Israel und Palästina. Nach diversen öffentlichen Äußerungen von Akademie-Mitgliedern erscheint es notwendig, sich des Sinns und Zwecks unserer Akademie zu versichern und daran zu erinnern, wofür die Akademie steht - und wofür nicht. Wir tun dies in tiefer Trauer um die zahllosen ausgelöschten Leben und zerstörten Träume Unschuldiger.

In Daniel Barenboims Manifest "Musikalische Bildung als humanistische Bildung" (2018) steht der Satz: "Der Schlüssel zu diesem Bildungsprojekt ist Begegnung." Zuerst wurde die Idee einer solchen Begegnung seit 1999 in dem von Daniel Barenboim und Edward Said ins Leben gerufenen West-Eastern Divan Orchester verwirklicht; in einer Bildungsinstitution sollte sie auch für nachfolgende Generationen weiterentwickelt werden. Eine bekannte Weisheit lautet: "Nichts passiert ohne Menschen, nichts überdauert ohne Institutionen". Dieser Einsicht gemäß haben die Gründerväter ein "Experiment in Utopie "ins Werk gesetzt, das Musikerinnen und Musikern besonders aus dem Nahen Osten die Chance bieten sollte, eine humanistische und künstlerische Vision von Gleichheit, Gerechtigkeit, Freiheit und gegenseitiger Anerkennung zu erleben. 

Die Akademie hat also ideelle und pädagogische Ziele. Sie ist ein musikalisches Bildungsprojekt, ein Projekt künstlerischer Exzellenz in gesellschaftlicher Verantwortung. Sie ist ein Ort der Auseinandersetzung mit schwierigen Realitäten und mit Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Und was entscheidend ist: Sie will ein Ort sein, an dem diese Auseinandersetzung im Vertrauen auf gegenseitigen Respekt und Empathie geführt werden kann; an dem sich alle darauf verlassen können, gehört zu werden; ein Ort, an dem Positionen vertreten und bestritten werden können, aber keine Meinung aus ideologischer Verhärtung ausgeschlossen oder aus moralischem Hochmut verächtlich gemacht wird. Unsere Akademie ist – mit den Worten Daniel Barenboims – eine Schule der Akzeptanz. 

Deshalb bilden die Prinzipien des Humanismus und des Universalismus das unverhandelbare Fundament des gemeinsamen Lehrens, Lernens und Arbeitens. Unsere Akademie ist keine Arena für Partikularismus, politischen Aktivismus, einseitige Parteinahme; kein Ort, an dem die Unrechtserfahrung und das Leid der einen durch die Unrechtserfahrung und das Leid der anderen relativiert wird. 

Die Barenboim-Said Akademie ist einer der ganz wenigen Orte in Deutschland (vielleicht der einzige), an dem sich junge Israelis und junge Palästinenserinnen und Palästinenser treffen können, um miteinander zu sprechen und zu arbeiten – inmitten der Gemeinschaft von Studierenden aus insgesamt 27 Nationen. Die Akademie hat zweifellos gerade die bislang härteste Bewährungsprobe ihrer Gründungsidee zu bestehen. Ihren Erfolg erkennen wir aber nicht zuletzt darin, dass sich bis heute, Juni 2025, Studierende aus Israel, Palästina und den umliegenden Staaten anmelden, die Aufnahmeprüfung machen, um hier an der Barenboim-Said Akademie in Berlin zu studieren und sich auf das "Experiment in Utopie "einzulassen.  

Der bisherige Erfolg verdankt sich der Treue, die Studierende und Lehrende der Gründungsidee der Akademie gehalten haben. Die Hochschulleitung, Rektorin, Kanzler und Dekan, werden stets dafür Sorge tragen und geeignete Maßnahmen treffen, dass diese Gründungsidee weiterhin das stabile Fundament unserer ideellen und pädagogischen Arbeit bleibt.

 

Berlin, den 10. Juni 2025

 

Prof. Dr. Regula Rapp, Rektorin

Prof. Dr. Dr. James Helgeson, Dekan

Michael Rösler, Kanzler 

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